Spannenden Job und Familie unter einen Hut bringen. Unmöglich? – [Teil1]

Aktualisiert: Mai 24

Eine Hilfestellung für gut ausgebildete Männer und Frauen in zwei Teilen


Aristoteles soll gesagt haben: «Du kannst den Wind nicht ändern, aber du kannst die Segel anders setzen.»


Dieser griechische Universalgelehrte aus der Antike wusste, dass wir verschiedensten Einflüssen und Bedingungen ausgesetzt sind, welche wir kaum beeinflussen und kontrollieren können. Statt gegen Windmühlen zu kämpfen, ist es oft klüger, die äusseren und inneren Rahmenbedingungen zu akzeptieren und optimal zu nutzen.

In diesem Beitrag lernst du folgendes:

  1. Wie du dich selbst besser kennen lernst und zu deinen Herzensentscheidungen stehst.

  2. Beispiele, wie Erwerbs- und Care-Arbeit aufgeteilt werden können.

  3. Wie du lernst, mit Gegenwind und Widerständen umzugehen.

Eine Person, die Silhouette vor der Sonne, springt von einer Felsnase zur anderen, darunter eine tiefe Schlucht und der Schriftzug "Impossible". Das "Im" von Impossible bricht auseinander, so wird aus dem Impossible ein Possible.

Um aufzuzeigen, was ich unter inneren und äusseren Rahmenbedingungen verstehe, skizziere ich einige typische Beispiele.

Eine Professorin an einer Hochschule ermutigt promovierte Akademikerinnen, sich ihren Weg an die Spitze zu erkämpfen. Sie selbst ist das beste Beispiel dafür, dass es möglich ist, auch mit Kindern die Karriereleiter aufzusteigen, viel zu publizieren und an Kongressen im Ausland teilzunehmen. Doch als jemand fragt, wie sie es gemacht habe, antwortet sie: «Ich hatte das Glück, dass mein Mann sich zu 100 % um die Kinder und den Haushalt kümmerte.» Viele im Publikum schluckten leer. Die meisten erwarteten wohl eine andere Antwort.


Das traditionell bürgerliche Modell (Ernährermodell)

Warum eigentlich? Eine solche Rollenverteilung kann durchaus EINE mögliche Option sein. Zu den genauen Umständen, wie es dazu kam, gab die Professorin nichts preis. Wir sollten daher nicht zu schnell urteilen. Es war wohl keine Entscheidung, die von einem Tag auf den nächsten gefallen ist.

Eine promovierte Kollegin, selbst Mutter mit 80 % Pensum und einem Partner, der 100 % arbeitet, empörte sich sehr, denn sie verstand den Aufruf an die promovierten Frauen auf dem «Appell-Ohr» (siehe «Das Vier-Ohren-Modell», auch Nachrichten- oder Kommunikationsquadrat, von Friedemann Schulz von Thun). Sie hörte: «Hey liebe Kollegin, suche dir einfach einen Hausmann, der dir den Rücken freihält oder steck deine Kinder in ein Internat, dann kannst auch du klassische Karriere als Professorin machen! So einfach ist das.»



An den Bedürfnissen vorbei

Die meisten gut ausgebildeten Frauen und immer mehr auch Männer wollen heutzutage beides: Einen spannenden, verantwortungsvollen Job, wie auch Zeit für die Kinder (siehe meinen Blog-Beitrag zu ausgeglichene Work-Life-Balance). Fremdbetreuungsangebote und der Aufruf von Firmen, die Kinder doch zur Arbeit mitzubringen, damit auch an den freien Tagen oder am Wochenende noch zusätzlich gearbeitet werden kann, schiessen bei dieser Gruppe am Ziel vorbei. Denn ihre inneren Rahmenbedingungen sind so, dass sie sich nur dann wohl fühlen, wenn sie «ausreichend» Zeit mit den Kindern verbringen können. Es ist ihnen wichtig, gewisse Dinge selbst zu übernehmen: Das Abfragen zum Vormittag beim Mittagessen, zumindest ein-, zweimal die Woche, das Begleiten zum Musikunterricht oder zur Sportstunde. Sie tun dies, weil sie sich bewusst sind, dass die Zeit mit den Kindern begrenzt ist und sie diese nutzen wollen, um tief gehende Beziehungen aufzubauen. Spätestens mit 13 verbringen die Kinder ja ihre Freizeit oft lieber mit Gleichaltrigen. Eltern sind dann irgendwann nur noch peinlich und wichtige Gespräche über Konsum, Gruppendruck, Umgang mit Medien, Mobbing, usw. sollten früher stattfinden (hierzu ein Buchtipp: Claudia und David Arp «Und plötzlich sind sie 13», Brunnen Verlag). Diesen Eltern ist wichtig, ihre Zeit mit flexiblen Arbeitszeitmodellen aktiv gestalten zu können, so dass sie da sein können, wenn die Kinder von der Nachmittagsschule kommen. Für sie ist Teilzeitarbeit oder orts- und zeitunabhängiges Arbeiten meist die einzige Option. Lieber arbeiten sie gar nicht, als diese Jahre mit den Kindern zu verpassen. Schlaue Arbeitgeber hören auf die Bedürfnisse der gut ausgebildeten Fachkräfte und schaffen Möglichkeiten, dass diese ihre Care-Aufgaben mit der Erwerbsarbeit vereinen können. Dies ist auch gut fürs Employer Branding: Viele Menschen haben neben der Arbeit Themen, für die sie Zeit benötigen, Freiwilligenarbeit, ein politisches Amt, ein aufwändiges Hobby, die Betreuung der betagten Eltern. Auch ihnen kommen die Errungenschaften der Eltern direkt zu gut und die Firma übernimmt so gesellschaftliche Verantwortung.

In der Mitte des Bildes steht "Personal Growth" geschrieben. Pfeile zeigen von dort auf verschiedene Aufgaben, z.B. "Vision", "Goals", "Planning", "Learning", etc.


Das egalitär familienbezogene Modell

Für viele Eltern ist darum das egalitär familienbezogene Modell das Modell der Wahl (in meinen Workshops zum Thema «Partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit» liegt dieser Wunsch regelmässig bei 90 – 100 %): Beide Eltern arbeiten Teilzeit (beide je 60 – 80 %) und teilen sich die Betreuung der Kinder und Familienaufgaben gleichberechtigt und möglichst fair auf. So wird der Mental Load (all die kleinen Dinge, an die man auch noch denken muss, wie Erneuerung der Identitätskarten der Kinder oder Bibliotheksbücher zurückbringen) auf beide Schultern verteilt. Vielleicht hat das Paar einen Plan erstellt, wer wann wofür zuständig ist. Zum Beispiel bringen und holen sie die Kinder abwechslungsweise von der Kita, unterstützen sich beim Einkaufen und Kochen und übernehmen auch beide abwechselnd den Kleiderkauf oder die Organisation der Geburtstagsgeschenke, wenn die Kinder zu einer Party eingeladen werden. An Elterngesprächen der Schule nehmen sie beide oder abwechselnd teil. Schwierig kann es werden, wenn die Kinder krank sind und eigentlich in der Kita wären. Da ist dann wieder Verhandlungsgeschick gefragt und jedes Paar hat da seine eigenen Vorstellungen, wie es damit umgeht.

In der Praxis ist es jedoch oft schwierig, dass beide ihre Wünsche nach Teilzeit so umsetzen können, wie sie das möchten (erst 7 % der Eltern mit Kindern unter 12 Jahren leben heute dieses Modell, obwohl der Wunsch danach gross ist – Quelle: BFS 2020).

Eliane möchte lieber 60 % als 80 % arbeiten, doch geht das vom Arbeitgeber her nicht. Ihr Mann ist Ingenieur und kann in der momentanen Funktion nicht reduzieren. Eliane hat immer an einem fixen Tag frei und unternimmt dann viel mit den Kindern. Früher, als die Kinder noch klein waren, nahm sie noch regelmässig an Kongressen teil. Die ganze Familie flog dann mit und sie kombinierten den Kongress gleich mit einem Familienurlaub. So konnte sie die Kinder bei sich haben, auch wenn sie weg war. Seit die Kinder in der Schule sind, geht das nicht mehr. Da ihr Mann auch oft auf Dienstreise ist, verzichtet sie momentan auf Kongresse im Ausland. Die äusseren Rahmenbedingungen lassen es nicht zu, denn Grosseltern haben sie nicht, die über Nacht einspringen könnten und einfach einer Nachbarin die Kinder aufdrücken oder eine unbekannte Nanny engagieren möchte Eliane nicht.


Was hilft diesen Eltern?

Ein echtes Interesse und Nachfragen von Seiten des Arbeitgebers, wie man sie unterstützen kann, verhindern gut gemeinten Hilfsangebote, die am Ziel vorbeischiessen! Home-Office und flexiblere Arbeitszeiten beider Eltern haben im Fall von Eliane dazu beigetragen, dass die Kinder nicht mehr so oft im Hort sind und so der Wunsch nach mehr Teilhabe am Leben der Kinder erfüllt werden kann. Für Eliane eine enorme Entlastung! Sie hatte häufig ein schlechtes Gewissen, weil ihre Kinder den Hort nicht so gut ertrugen und am Morgen weinten und nicht in die Schule wollten. Es war ihnen da einfach zu laut. Früher war es anders: Sie waren in einem kleinen Hort, es waren maximal 22 Kinder auf der Gruppe und es gab immer die gleichen Betreuungspersonen. Sie gingen gerne hin. Vor ein paar Jahren wurde durch die Stadt ein zentraler Grosshort gebaut, leider viel zu klein. Die kleinen Horte in den Siedlungen wurden geschlossen. Nun sind mehrere hundert Kinder gleichzeitig in diesem Grosshort, die Betreuungspersonen wechseln ständig. Beim Bau haben die Architekten leider zu wenig mitgedacht: Auf drei offenen Etagen befinden sich bis zu dreihundert Kinder gleichzeitig. In der Mitte hat es eine Holztreppe, die ebenfalls offen nach oben führt.


Elianes Kinder klagen seit dem Hortwechsel immer wieder über Kopfweh und sie musste sie einige Male schon im Hort abholen wegen starkem Kopf- und Bauchweh. Zu Hause sagten sie, es sei ihnen einfach zu laut im Hort. Ihr Kopf hämmere nur und es drehe sich alles. Eliane fragte bei der Leitung Betreuung nach: Leider kann man tatsächlich nicht sicherstellen, dass Menschen, die etwas Mühe mit konstant hohem Lärmpegel haben, sich irgendwo im Gebäude zurückziehen können. Es gibt zu wenige Räume mit Türen und wegen der Feuerpolizei kann man auch nicht einfach welche einbauen.


Für Eliane war klar: Das will sie ihren Kindern nicht an vier vollen Tagen zumuten. Es brauchte eine Alternative. Darum war es eine enorme Erleichterung für sie, dass sie durch Covid19 praktisch alles im Home-Office erledigen konnte und so die Kinder nur noch viermal die Woche mittags den Hort besuchten. Ein Win-Win für alle in ihrem Fall. Da die Kinder schon älter sind, konnten sie nun auch spontan mal zu Nachbarn zum Spielen oder die Nachbarskinder konnten zu ihnen spielen kommen nach der Nachmittagsschule. Eliane konnte trotzdem gut arbeiten. Ein fixes Engagement, die Nachbarskinder z. B. auch zum Essen bei sich zu haben, wäre für Eliane aber zu viel. Sie geniesst den einen Tag mit den Kindern allein und an den anderen Tagen hat sie selbst Verpflichtungen über Mittag. Sie hofft, dass sie nach Corona weiterhin mehr im Home-Office bleiben kann. Sie möchte die Kinder nicht mehr nachmittags in den Hort geben. Wenn es sein muss, höchstens an einem Tag.


Modelle können Druck erzeugen

Wer hat nicht schon von modernen Eltern gehört, die es geschafft haben, im Teilzeitpensum zu arbeiten um sich zu gleichen Teilen um die Kinder zu kümmern? Wie haben sie es gemacht? Nehmen wir das Beispiel von Stefan und Anja. Stefan ist Partner in einer Anwaltskanzlei. Anja ist ebenfalls Anwältin. Stefan dachte eigentlich immer, man könne nur Partner sein, wenn man 100 % arbeite. So wurde es ihm auch gesagt und in der Kanzlei arbeiten alle anderen Männer 100 %. Bei der Dreimonatskontrolle von Anja entschied er sich, dass er eine präsente Rolle für sein Kind übernehmen und auch Anja in ihrer Karriere unterstützen will. Dies ging für ihn nicht in einem 100 %-Pensum.

Beide führten sie Gespräche mit ihren jeweiligen Vorgesetzten. Stefans Chef gratulierte ihm und sagte, das sei sehr weise und verantwortungsvoll. Stefan reduzierte seinen Beschäftigungsgrad per sofort auf 80 %, arbeitete aber bis zur Geburt 100 %. So konnte er Zeit ansammeln, die es ihm nachher ermöglichte, gemeinsam mit Anja 14 Wochen voll zu Hause zu bleiben. Beim Wiedereinstieg hatte er immer freitags frei. Anja montags. Dienstag und Donnerstag war das Kind in der Kita und mittwochs wechselten sich die jeweiligen Grosseltern beim Hüten ab. Anja wurde Teamleiterin und erhielt mehr Lohn. Das alles liess sich gut bewältigen mit 80 % und dem Support durch Stefan, der freitags auch den Haushalt übernahm und mit dem Kind zu Terminen ging.


Ganz klar: Wir brauchen mehr solche Vorbilder! Zurzeit gehen 6 von 10 erwerbstätigen Frauen, aber nur 1,8 von 10 Männern, einer Teilzeitarbeit nach. (Quelle: BFS 2021 – Schweizerische Arbeitskräfteerhebung). Bei den Müttern mit Kindern unter 25 Jahren arbeiten rund 79 % in Teilzeit und bei den Vätern mit Kindern unter 25 Jahren rund 12 %. (Quelle: BFS 2020).


Der weitaus grösste Teil der Familien teilt sich die Erwerbs- und Care-Arbeit noch immer im modernisiert bürgerlichen Modell auf, rund 60 % aller Paare mit Kindern unter 12 Jahren (Quelle: BFS 2020).

Das modernisiert bürgerliche Modell (Zuverdienermodell) – bei gut ausgebildeten Frauen selten frei gewählt

Fakt ist (so zeigt auch ein Bericht der Soziologin Christina Seyler, Ingenieurin mit Familie: Geht das? | Die Volkswirtschaft - Plattform für Wirtschaftspolitik), dass nach wie vor viele Paare vom egalitären Modell in das modernisiert bürgerliche Modell abdriften. Bei diesem Modell arbeitet ein Partner 100 %, während der andere in einem Teilzeitpensum arbeitet und den Grossteil der Betreuungs- und Haushaltaufgaben übernimmt. Dies führt oft zur klassischen Doppelbelastung gut ausgebildeter Mütter. In der Regel war das nicht so geplant. Ein Beispiel: Nach dem Mutterschaftsurlaub möchte Brigitte ihr Arbeitspensum als Projektleiterin auf 70 % reduzieren. Ihr Arbeitgeber hat zugestimmt. Ihr Mann wollte spätestens für die Kitaeingewöhnung auch reduzieren, so dass sie sich gegenseitig mit der Care-Arbeit helfen würden. Während der Schwangerschaft wird er aber befördert. Mit der Beförderung verdient er mehr und er kann sich gerade nicht vorstellen, sein Pensum zu reduzieren. Das ist ja auch ein Vorteil, denn Brigitte will das Arbeitspensum 30 % reduzieren und so kann die Einkommenseinbusse und hohen Ausgaben für vier Tage Fremdbetreuung (Brigitte macht noch eine Weiterbildung und sie haben keine Grosseltern, die sie im Alltag unterstützen) wettgemacht werden. Nach zwei Jahren erwarten sie das zweite Kind und schauen sie sich ihre Situation nochmals an. Brigitte wünscht sich eine Veränderung, sie möchte auch befördert werden, will aber unbedingt die Zeit mit den Kindern behalten oder sogar vergrössern, wenn es möglich wär.

Für ihn reicht die Zeit mit den Kindern am Abend und am Wochenende. Sie findet, der Partner sollte sie entlasten und mehr Care-Arbeit übernehmen, denn eine Teamleitung mit gleichbleibender Care-Belastung kann sie allein nicht stemmen. Und jetzt sei sie dran. Er hatte schon, sie noch nicht. - Ihm wird bewusst, wie sehr ihm die errungene Führungsposition gefällt. Er übernimmt noch mehr Verantwortung und ein noch grösseres Team. Er hat lange Arbeitstage, ist abends müde. Er träumt von einem eigenen Haus mit Garten. Er ist überzeugt, das gehe nur, wenn er weiterhin den vollen Lohn bekommt oder sie entsprechend aufstockt.


Nun kommt vielleicht die erste Ehekrise. Sie experimentieren, verhandeln mit dem Arbeitgeber, bekommen Home-Office Tage und mehr Flexibilität. Reden viel. Die Erwartungen sind auf beiden Seiten hoch. Nicht selten rutscht einer von beiden in eine schwere Krise, hat eventuell ein Burnout. Viele Partnerschaften überstehen das nicht.


Geht es auch anders? Stell dir vor, du richtest deinen Fokus auf das, was du bereits hast und bist dankbar dafür. (siehe auch 5 Tipps für eine bessere Work-Life-Balance). Wie würdest du dich dann fühlen? Du erkennst, dass sich die Dinge über die Zeit verändern, dass du ganz tief in dein Herz hören, deine Bedürfnisse mitteilen und mit dem Partner diskutieren kannst. Du schätzt, was du hast und siehst dich nicht mehr als Opfer, sondern nimmst das Zepter für dein Leben aktiv in die Hand. Du siehst eine Perspektive, bist auf einem Lernweg, zusammen mit deinem Partner. Auch wenn nicht immer alles gleich geht, gibt es Hoffnung. Du beschäftigst dich mit deiner Vision, wohin du gehen möchtest und entwickelst einen Plan. Wenn du nicht weisst, wie das geht oder ein Feedback dazu möchtest, suchst du dir Hilfe und wendest dich an einen Coach.

Was ging dir durch den Kopf beim Durchlesen dieses Blogartikels? Was nimmst du davon mit? Bist du mit deiner Work-Life-Balance zufrieden? Ich freue mich, wenn du diesen Blog likest, teilst oder kommentierst.

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