Grenzen setzen lohnt sich, auch im Teilzeitjob

«Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.»

Arthur Schopenhauer


In diesem Artikel lernst du

  1. warum es sich lohnt, Fach- und Führungskräfte in Teilzeit zu fördern.

  2. dass es wichtig ist, Grenzen zu setzen und für dich einzustehen.

  3. Tipps, wie du dich verhalten kannst, wenn du Zusatzaufgaben erhältst, die nicht in dein Arbeitspensum passen.


Der Wunsch nach Teilzeitarbeit steigt. Nicht nur Eltern haben den Wunsch, Beruf und andere Lebensbereiche unter einen Hut zu bringen und so ihre Bedürfnisse nach einer erfüllten, ganzheitlichen und langfristig gesunden (Work-)Life-Balance umzusetzen. Laut Bundesamt für Statistik leiden viele unter Dreissigjährige unter Stress, suchen nach mehr Sinn und möchten Teilzeit arbeiten. Aber auch Rentnerinnen und Rentner interessieren sich für Teilzeitarbeit. Sie wollen ihr Wissen weiterhin sinnvoll einsetzen und dem Fachkräftemangel entgegenwirken.


Viele Mitarbeitende haben erkannt: Gewollte Teilzeitarbeit führt zu mehr Lebensqualität, man wird weniger krank, ist bei kopflastigen Jobs kreativer und arbeitet viel effizienter. (Ein Artikel dazu im Beobachter mit Hinweisen auf verschiedene Studien: arbeitszeit-warum-sich-weniger-arbeiten-fur-alle-auszahlt).



Teilzeitarbeit mit Mehrwert

Gut ausgebildete Personen, die ihr jahrelang erworbenes Wissen unabhängig von ihrer Lebenssituation und dem Pensum in einem spannenden Job anwenden können, helfen unserer Gesellschaft als Ganzes.


Insbesondere für Eltern mit Kindern ist es oft schwierig, Beruf und Familie zu vereinbaren. Das kann zu Stress führen. Oftmals sehen gut ausgebildete Mütter in so einer Situation keine andere Lösung als sich vom Arbeitsmarkt zu verabschieden. Das soll und muss nicht sein. Auch die Arbeitgebenden sollten an zufriedenen und ausgeglichenen Mitarbeitenden interessiert sein. Sie sind in der Regel resilienter und haben weniger stressbedingte Krankheitsausfälle.


Schliesslich sollten wir alle daran interessiert sein, dass gut ausgebildete Arbeitskräfte im Markt bleiben, egal welchen Alters. Damit würde nicht nur dem Fachkräftemangel entgegengewirkt, sondern auch geholfen, die Schieflage in der Altersvorsorge etwas zu mindern.




Flexible Arbeits(zeit)modelle helfen

Aber was braucht es, um Beruf und Familie oder andere Engagements unter einen Hut zu bringen? Die Corona-Pandemie hat gezeigt, was alles möglich wäre. Mit einem Schlag durften Menschen im Home Office arbeiten, bei denen es vorher hiess, das gehe nicht. Neue, flexiblere Arbeitsmodelle sind entstanden. Immer mehr Stellen werden im Job-Sharing ausgeschrieben, einem Modell, bei dem sich zwei Personen eine Aufgabe teilen und sich gemeinsam auf eine Stelle bewerben. Einige Firmen bieten komplett zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten an. Selbstverständlich geht das nicht überall. Doch es gibt Jobs, bei denen es geht.


Teilzeitarbeit ist nicht jedermanns Sache. Genauso wenig wie Arbeiten aus dem Home Office. Es braucht gute Selbstdisziplin und Selbstmanagementfähigkeiten und ein transparentes Erwartungsmanagement. Wer vom Typ her eher zu den «Pleasern» gehört, die schlecht «nein» sagen können und es allen recht machen wollen, wird im Alltag Unterstützung brauchen. Die Gefahr ist gross, dass diese trotz Teilzeit mehr arbeiten. Unter Umständen kann ein individuelles Coaching helfen, Strategien zu erarbeiten, wie die erstrebte (Work-)Life-Balance umgesetzt werden kann.



Was braucht es, damit Teilzeitarbeit funktioniert?

Damit Teilzeitarbeit gut funktioniert, braucht es eine gute Kommunikation zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden. Ohne gute Absprache darüber, was die gegenseitigen Erwartungen sind, kommt es zu Missverständnissen. Die gute Nachricht ist. Es kann funktionieren! Als Teamleiterin und Seniorprojektleiterin für strategische Projekte habe ich es selbst erlebt. Ich konnte mir in diesen rund zehn Jahren Führungserfahrung in Teilzeit bei einer internationalen Firma hilfreiche Lifehacks und Tricks zu eigen machen, die mir das Leben deutlich vereinfacht haben.


Heute vereinbare ich verschiedene berufliche Aufgaben, Familie, Sport und Weiterbildungen (ich bin u. a. Dozentin, Coach und Workshopleiterin). Mir gefällt die grosse Flexibilität, Freiheit und Netzwerkmöglichkeiten und ich kann jede einzelne meiner Aus- und Weiterbildungen sinnvoll einbringen.


Welcher Weg passt zu dir?

Ob klassische Karriere oder eine Alternative, viele Wege führen zu deiner angestrebten (Work-)Life-Balance. Wichtig ist, dass du dich mit deinem Weg wohl fühlst. Teilzeitarbeit kann helfen, ganz unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. In Kombination mit modernen Arbeits(zeit)modellen wird Unmögliches möglich. Z. B. kannst du sowohl ein Mandat als Dozentin haben als eine Festanstellung und sogar eine Selbstständigkeit ist möglich. Im Tandem, einem so genannten «Top-Sharing» oder «Co-Lead» kannst du auch eine Vollzeit-Führungsstelle übernehmen und die Aufgabe mit deiner Stellenpartnerin oder deinem Stellenpartner teilen. Solange du dich damit wohl fühlst und die Kommunikation mit allen Stakeholdern offen und transparent ist, gibt es (fast) keine Grenzen für die Selbstverwirklichung.



Grenzen setzen – auch in Teilzeit

Hier die wichtigsten Punkte, wie du dich verhalten kannst, wenn du Zusatzaufgaben erhältst, die nicht in dein Arbeitspensum passen:


Erstens: deine eigenen Grenzen kennen und klar kommunizieren

Um die (Work-)Life-Balance im Griff zu haben ist es notwendig, eigenverantwortlich Grenzen zu setzen. Kein Rennfahrer würde ein Rennen fahren ohne die wichtigen Boxenstopps. Das Risiko wäre zu hoch, dass ein Reifen platzt und er das Ziel nicht lebend erreicht. Ähnlich ist das bei uns. Wenn Nackenverspannungen anfangen oder die Kopf- und Rückenschmerzen wieder einsetzen, wissen wir, dass wir einen Gang runterschalten und Pause machen sollten.


Doch oft hören wir nicht auf unseren Körper und geben noch mehr Vollgas. Unsere inneren Antreiber sagen uns: «Da musst du durch.» Und plötzlich, meist vergehen schnell ein paar Wochen oder Monate auf der Überholspur, ist die Batterie leer, das Wochenende reicht nicht mehr aus um uns zu erholen und auch der langersehnte Urlaub hilft uns nicht mehr uns zu regenerieren. Die Leidtragenden sind dann unsere Liebsten.


Das entspricht kaum unseren Wertvorstellungen. Die meisten Menschen wünschen sich Zeit für ihre Nächsten zu haben. Dies führt nicht selten zu noch mehr Stress und einem konstant schlechten Gewissen. Einige greifen in solchen Situationen zu Schlaftabletten, Alkohol oder anderen Suchtmitteln und befinden sich jäh in einer Abwärtsspirale, aus der sie aus eigener Kraft nicht mehr herauskommen.



Zweitens: gutes Selektieren und «nein» sagen lernen

Teilzeitarbeit kann helfen, um ausreichend auftanken zu können und verschiedene Lebensbereiche besser in Einklang zu halten und so langfristig gesund zu bleiben. Das geht jedoch nur, wenn wir selbstverantwortlich Grenzen setzen und uns auch selbst dafür wertschätzen. Oft sind wir jedoch so sehr im Hamsterrad gefangen, dass wir gar nicht innehalten und uns fragen, ob eine zusätzliche Aufgabe prioritär behandelt werden muss oder nicht, sondern wir nehmen sie einfach noch oben drauf. Doch gutes Selektieren ist das A und O. Nicht alles, was andere gerne hätten, muss auf deiner «To-do»-Liste landen! Oder machen andere immer alles, was DU gerne hättest?


Im Alltag dürfen wir bewusst Prioritäten setzen und kritisch hinterfragen, welche Arbeiten nun wirklich erledigt werden müssen. Somit treffen wir eine bewusste Entscheidung, bevor wir zu einer zusätzlichen Aufgabe «ja» oder «nein» sagen.



Folgende Schritte sind hilfreich für das bewusste Selektieren von «On-Top-Aufgaben»:

  1. Ist dies eine Aufgabe, die unbedingt gemacht werden muss oder nur ein «nice to have»? (Der so genannte «Scope Creep» ist im Projektmanagement einer der häufigsten Ursachen für das Scheitern von Projekten. Wenn du also Änderungswünsche kritisch hinterfragst, bist du ein wunderbarer Gatekeeper, nicht nur für dich, sondern auch für die Firma!)

  2. Wenn nur «nice to have» lohnt sich die Frage: Habe ich Zeit und Lust, diese Zusatzaufgabe anzunehmen oder nicht? Will ich das? Lautet die Antwort nein, dann sag auch deutlich «nein».

  3. Wenn es ein «must have» ist, versetze dich in die Moderatorenrolle. «Ok, diese Aufgabe muss gemacht werden. Wer könnte sie machen?» Achtung: NICHT DU sollst die Aufgabe übernehmen! Du hast ja schon keine Kapazitäten mehr. Vielleicht gibt es intern eine Person, die noch Ressourcen hat und die Aufgabe gerne übernimmt? Lass die anderen ihre Ideen einbringen und gib die Verantwortung dahin zurück, wo sie hingehört.

  4. Falls es keine internen Ressourcen gibt, wäre eine Option die Aufgabe extern zu vergeben. Frag nach, ob das möglich ist und Budget dafür vorhanden ist. Vielleicht habt ihr generell ein paar externe Partner, mit denen ihr Spitzen besser ausgleichen könnt? Stell dir vor, was das alles an Lebensqualität mitbringen könnte...

  5. Falls du es doch machen musst, weil nur du es kannst und es tatsächlich dringend ist, dann wirst du andere Aufgaben zurückstellen müssen, denn dein Tag hat nicht plötzlich mehr Stunden. Spreche dich diesbezüglich mit deinem Vorgesetzten ab. Wenn du A machst, was kannst du dafür zurückstellen oder umdisponieren?

  6. Noch ein Wort zur Deadline. Falls du Aufgaben übers Wochenende oder über die Nacht erhältst und dich ausgenutzt fühlst, dann setze unbedingt Grenzen und übernimm Verantwortung für dich selbst. Sprich es direkt an. Sag, wie du dich fühlst, wenn das passiert, was es mit eurer Beziehung macht und fordere dein Gegenüber auf, dass ihr gemeinsam eine Lösung sucht, damit dies in Zukunft nicht mehr vorkommt. Du beeinflusst so die Unternehmenskultur positiv und gibst deinem Gegenüber die Chance, sich selbst zu reflektieren und zu wachsen. Eure Beziehung wird dadurch gestärkt.

  7. Sei stolz auf dich, wenn du «nein» sagst und wirklich nein meinst. Nichts ist schlimmer als «ja» zu sagen, wenn du eigentlich «nein» meinst und du dich dann im Nachhinein ärgerst. Steh zur dir und deinen Bedürfnissen. Denk an den Rennfahrer. Boxenstopps sind kein Luxus. Es stärkt deine Resilienz. Es erhöht deine Produktivität und Performance und kommt somit unmittelbar wieder deinem Arbeitgeber zu gut.


«Ja, ja. Du hast gut reden!», denkst du vielleicht. «Das funktioniert bei meinen Vorgesetzten niemals! Die werden mich einfach plattwalzen. Es arbeiten ja (fast) alle 10 - 12 Stunden-Tage. Da kann ich doch nicht nein sagen und mein Team im Stich lassen!»


Ich kenne diese Situation nur zu gut aus meinem eigenen Arbeitsleben und habe oft die Anderen oder die Situation verurteilt, statt mich auf mich selbst zu besinnen und das, was ich beeinflussen kann. Als Gesamtprojektleiterin war es meine Aufgabe, mich immer wieder in die Vogelperspektive zu versetzen, die Bedürfnisse aller Stakeholder im Auge zu behalten und auf die Situation als Ganzes zu schauen. Als wir von einer Reorganisation in die nächste strauchelten und die Kommunikation nicht mehr meinen Erwartungen entsprach, kam auch ich ans Limit.


Ich suchte mir Hilfe bei einem Coach. Im Coaching lernte ich nützliche Tools kennen, wie ich mich abgrenzen kann. Ich lernte auch meine Bedürfnisse erst richtig kennen und mich dafür einzusetzen, dass ich mir selbst treu bleibe und meine Grenzen deutlich kommuniziere. Dafür bin ich zuständig und niemand sonst.



Ich wurde ein gutes Beispiel, wie Überzeitsaldi heruntergebracht und Projekte erfolgreich geleitet werden konnten, ohne dass Kunden und Mitarbeitende verloren gingen, doch es kam nicht von allein. Ich befasste mich intensiv mit meinen Wertvorstellungen und habe erkannt, was für mich langfristig wichtig ist und wie wichtig es ist, immer wieder neu zu priorisieren (nicht nur im Beruf, auch privat).


Meine Erkenntnis: Es ist wichtiger, das wenige Richtige zu tun als vieles zu tun und nichts richtig. Es geht also immer auch um Fokus, die Reduktion aufs Wesentliche. So schonst du Ressourcen und kommst am Ende fit und freudig ans Ziel.


Heute nutze ich diese Erfahrungen und begleite Fach- und Führungskräfte dabei, ihr eigenes «Dschungelmesser» zu wetzen und sich einen Weg durch das Aufgabendickicht zu schlagen. Das erhöht ihre Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit. Mit einem Führer geht alles schneller und leichter, denn er kennt den Weg und kann den Kompass lesen. Wenn du schon lange denkst, du solltest etwas verändern und eine Aussensicht dazu möchtest, dann ist jetzt vielleicht die Gelegenheit dazu.


Weitere nützliche Links für eine gesunde Work-Life-Balance:


5 Tipps für eine ausgeglichene Work-Life-Balance trotz Familie und herausforderndem Job (3c-keller.com)


Spannenden Job und Familie unter einen Hut bringen. Unmöglich? – [Teil1] (3c-keller.com)





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